Musikalische Verzauberung: der Heidelberger Frühling

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Wer im Partnerland studiert, begegnet nicht nur Unterschieden in der Wissenschaftskultur. Gerade Alltagserfahrungen sind es, die die Zeit dort zu etwas Besonderem machen. Das wollen wir in unserer Blog-Reihe “Leben in Paris” und “Leben in Heidelberg” zeigen: In der ersten Folge schildert M.A.-Student Louis Bourgon seine Eindrücke vom Musikfestival “Heidelberger Frühling”.

Seit seiner Begründung im Jahr 1997 verzaubert der „Heidelberger Frühling“ jedes Jahr einige Tausend Zuschauer. Seien es Musikliebhaber oder andere Interessierte; sie alle finden sich ein auf denselben Sitzbänken der Alten Aula oder der Stadthalle des alten Stadtzentrums, um gemeinsam einige große musikalische Werke zu würdigen.

Die Stadthalle Heidelbergs. Bild: Heidelberger Frühling

Die Stadthalle Heidelbergs. Bild: Studio visuell

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In einer magischen Atmosphäre nehmen die großen Denkmäler der Stadt grüne Farbe an, die offizielle Farbe des Festivals. Ein majestätisches Feuerwerk kündet sodann von der Eröffnung der Feierlichkeiten: Keineswegs muss man Absolvent eines Konservatoriums sein, um die Qualität der bei dieser Gelegenheit gegebenen Konzerte zu schätzen zu wissen. Einige der großen Namen der heutigen Klassikszene geben sich hier die Klinke in die Hand: Igor Levit, David Fray, Herbert Schuch am Klavier, Jörg Widmann und Fazıl Say stellen ihre Eigenkompositionen in die Folge einiger Meisterwerke von Weber und Mozart, wohingegen Isang Enders und Daniel Müller-Schott das Publikum mit wenigen Bogenstrichen zu betören wissen. Darbietungen aller Arten und Nationalitäten reihen sich aneinander, ohne je zu enttäuschen: Alina Pogostkina, gekommen aus Russland, Łukasz Kuropaczewski aus Polen, Håkan Hardenberger aus Schweden oder auch das Irish Chamber Orchestra.

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Die Stipendiaten der Kammermusik Akademie. Bild: Studio visuell

Mentoren für den Nachwuchs

Thomas Quasthoff trägt einen Jazz-Einwurf zum Festival bei, wohingegen Widmann und Say einige ihrer zeitgenössischen Werke präsentieren. Selbst wenn man natürlich nicht alle zu dieser Gelegenheit gekommenen Künstler zitieren kann, so ist es doch wichtig, die„Festival Akademie“ [sic] zu erwähnen, die junge und exzellente Musiker aus aller Welt im Geiste der Zusammenkunft, des Austausches und der Öffnung zusammenbringt. Sie befinden sich als Schüler unter der Ägide einiger großer Mentoren, praktizieren gemeinsam ihre Kunst und tauschen sich über sie aus, im Geiste ständiger Verbesserung. Nachdem sie das ganze Festival hindurch gespielt haben, boten sie den glücklichsten der am Sonntag, den 24. April 2016 in der Stadthalle anwesenden Heidelberger und Musikliebhaber eine meisterhaft interpretierte Stückfolge dar: das Trio Nr. 1 in d-Moll, op. 49 von Mendelssohn, ein Streichsextett von Brahms, Bartok-Etüden, um nur diese zu nennen. Zu wenige erhoben sich, um den donnernden Applaus zu spenden, der so berechtigt wie vollkommen verdient war.

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Igor Levit und Jörg Widmann. Bild: Studio visuell

In der Pause gibt es Brezeln und Sekt für die Gourmands und für die Neugierigsten einen Gang auf die Terrasse, der gegenüber die Sonne am Himmel der romantischen Stadt untergeht, bevor es wieder hineinzugehen und Platz zu nehmen gilt für den zweiten Teil der Vorstellung. Zugänglich für alle, dank der Möglichkeit, an der Abendkasse exzellente Last-Minute-Plätze zu reduzierten Preisen zu erstehen, hinterlassen diese Momente der Gemeinschaft und der Kunst auf höchstem Niveau ein Lächeln auf allen Lippen, ob man nun 20 oder 80 Jahre alt ist, ob man dieses Konzertgenre nun gewohnt oder versessen auf Popmusik ist.

Hübsche Überraschungen

Einen ganzen Monat lang reihten sich die langerwarteten Darbietungen von Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Brahms, Schubert, Weber, Schumann, Rossini, Gershwin, Bach, Messiaen oder Bruch aneinander, so wie hübsche Überraschungen aus Jazz und Moderne, die man weniger erwartete, die aber ebenso verzauberten. Wenngleich der Schwerpunkt dieses Festivals in Klassik und Orchestermusik liegt, hätte man es zu würdigen gewusst, wenn der europäische Rahmen in Richtung anderer geografischer und musikalischer Horizonte, einiger Opernarien oder einer größeren Präsenz der Jazz- und Swingszene überschritten worden wäre. Lassen wir uns vom Heidelberger Frühling 2017 überraschen!

Louis Bourgon ist Student im Deutsch-Französischen Masterstudiengang in Geschichtswissenschaften. In seiner Masterarbeit wird er sich mit Jazz und Unterhaltungsmusik im NS-Regime auseinandersetzen.

Siehe auch
heidelberger-fruehling.de [externer Link]