Masterarbeit von Philipp Glahé

Titel des Vorhabens: Amnestielobbyismus in der frühen Bundesrepublik. Gustav Radbruch, Hellmut Becker und ihr Einsatz für NS-Verbrecher im „Heidelberger Juristenkreis“
Betreuung: Prof. Dr. Tanja Penter (Universität Heidelberg), Sabina Loriga, directrice d’études (EHESS)

„[D]enn der Mißbrauch des Rechts zu politischen Zwecken wird nicht geringer, ob er nun von Nationalsozialisten, Kommunisten oder Demokraten vorgenommen wird“, schrieb der junge Jurist Hellmut Becker 1950 über die Nürnberger Prozesse in der Zeitschrift „Merkur“. Becker (1913-1993), verteidigte den Staatssekretär des Auswärtigen Amts Ernst von Weizsäcker 1947-1949 im Wilhelmstraßen-Prozess. Es gelang ihm unter großem internationalem Medienecho für seinen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Mandanten ein relativ mildes Urteil zu erreichen. Weiterhin von der Unschuld von Weizsäckers überzeugt, engagierte sich der spätere liberale Bildungspolitiker Becker in einer Juristen-Vereinigung für eine Amnestie von NS-Verbrechern, dem „Heidelberger Juristenkreis“. Diese bis zu 40 Mitglieder umfassende und an der Universität Heidelberg angesiedelte Organisation wirkte von 1949 bis 1955 vornehmlich im Hintergrund. Sie versuchte zusammen mit Vertretern von Kirchen, Bundesbehörden und namhaften Politikern auf politische Entscheidungsträger und die alliierten Militärgouverneure Einfluss zu nehmen, mit dem Ziel eine Freilassung und Rehabilitierung von verurteilten Kriegsverbrechern zu erreichen. Dabei war der Kreis durchaus kein Hort rechts-nationalistischer Agitation. Seine Zusammensetzung war äußerst heterogen: Neben rechts-gesinnten Anwälten wie Hans Laternser und Rudolf Aschenauer fanden sich hier auch Intellektuelle ein, die zuvor im Nationalsozialismus selbst Opfer von politischer und religiöser Verfolgung wurden. So gehörten beispielsweise der wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgte Erich Kaufmann sowie der ehemalige Reichsjustizminister der Weimarer Republik, Gustav Radbruch (1878-1949), zu den Mitgliedern. Letzterer hatte zuvor selbst mit seiner „Radbruch’schen Formel“ allerdings die juristische Verfolgung von NS-Verbrechern rechtsphilosophisch befürwortet.

Die Masterarbeit untersucht anhand eines biographischen Ansatzes die individuellen Beweggründe  für den Einsatz Hellmut Beckers und Gustav Radbruchs im Heidelberger Juristenkreis. Mit den ausgewählten Protagonisten des Kreises stehen sich zwei gänzlich verschiedene Juristengenerationen und Lebenswege gegenüber, die mit Blick auf ihre juristische Sozialisation und ihr Rechtsdenken verglichen werden sollen.

Kontakt
Philipp Glahé, philipp@glahe.net

Siehe auch
Übersicht aller Studierenden