Masterarbeit von Max Derrien

Titel des Vorhabens: Die “Francistes” vor der Cour de Justice des Seine Départements: Eine sozialgeschichtliche Studie zu Verteidigungsstrategien in den Verfahren der “épuration” (1944-1950)
Betreuung: Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern (Universität Heidelberg), Laurent Joly (EHESS)

Die juristische Aufarbeitung der Kollaboration während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich kann als vielgliedriger und breit angelegter Prozess verstanden werden: Gegen ca. 350 000 Personen[1] wurde seit August 1944 der Verdacht erhoben sich der Kollaboration strafbar gemacht zu haben.[2] Bis 1951 wurden dann 124 613 Personen von Sondergerichten in ganz Frankreich verurteilt. [3]

Meine Studie befasst sich mit der Cour de justice des Seine-Départements, das insgesamt zwischen 1944 und 1951 ca. 6000 Verfahren eröffnet hat. Ich werde mich auf 161 Personen beschränken, die zwischen 1944 und 1950 verurteilt worden sind und dem „Francisme“ angehörten haben, eine der drei großen Parteien des Kollaborationismus. Grundsätzlich soll das Verhalten der Angeklagten im Zentrum der Untersuchung stehen und dabei konkret die Frage, ob für gewisse Kategorien bestimmte Schemata der Verteidigung erkennbar und systematisch sind. Einfacher formuliert: Wer verteidigt sich wie? Inwieweit haben zum Beispiel sehr junge Angeklagte grundsätzlich ihre Naivität und Unreife in den Vordergrund gestellt? Kann man davon ausgehen, dass Personen höherer sozialer Schichten mehr auf die sog. „attestations“ zurückgriffen, da sie Netzwerke effektiver zu ihrer Verteidigung mobilisieren konnten? Und wie wurden angesichts der binären Anklage (Strafgesetzbuch und „indignité nationale“) die Anschuldigungen von den Angeklagten gewichtet? Inwieweit wird ein Tatbestand (Aktivität im Francisme) ausführlicher beschrieben und offener thematisiert als der andere (die Kollaboration mit deutschen Instanzen)?

Die Aussagen und Verteidigungsstrategien der Angeklagten tauchen in der Forschungsliteratur bisher in zwei Varianten auf: Sie werden vereinzelt im Rahmen von eher quantitativ oder regional angelegten Studien zitiert, die sich nicht explizit mit der Verteidigung vor Gericht befassen, sondern eher den Prozess der „épuration“ in seinem Ausmaß erfassen wollen und die Einzelfälle als Veranschaulichung verwenden. [4] Die zweite Variante bilden die Studien zu den großen Prozessen der „épuration“, in denen dediziert auf die Verteidigung eingegangen wird, die noch im laufende Arbeitsprozessen noch nicht systematischen erschlossen wurden.

Die materielle Grundlage bilden die in den Akten überlieferten Polizei-und Anhörungsprotokolle, sowie von den Angeklagten verfasste Briefe an den Untersuchungsrichter, die nach einer genauen Einordnung und Quellenkritik verlangen: Wie wortgetreu wurden beispielsweise die Aussagen der Angeklagten durch die Gerichtsschreiber (oder Polizeibeamten) aufgeschrieben? Wurden die Angeklagten während der Befragung bedroht oder eingeschüchtert? Die Begriffe „Verteidigung“ bzw. „Verteidigungsstrategie“ werden dabei kritisch zu hinterfragen sein, da sie Rationalität, Kohärenz und ein Bewusstsein für Chancen einer gelungenen Verteidigung suggerieren, die eventuell in den Aussagen der Angeklagten nicht wiederzufinden ist. Angesichts der politischen Färbung der Justizbehörden stellt sich auch die Frage, inwiefern die Angeklagten ihren Handlungsspielraum überhaupt als relevant und erfolgsversprechend einschätzten. In diesem Zusammenhang sei noch auf eine Eigenschaft der Quellen hingewiesen, die wiederum das Erkenntnispotenzial meiner Arbeit einschränken: Sie beinhalten keine Protokolle der Gerichtsprozesse, sodass auch keine Aussagen über die Argumentationsstrategien der Rechtsanwälte gemacht werden können. Zur Operationalisierung meiner Fragestellung wird meine Stichprobe, sowie die Aussagen der Angeklagten zu kategorisieren sein. Dieser für das Projekt fundamentale Arbeitsprozess verlangt ein reflexives Vorgehen, das die von mir erstellten Kategorien problematisiert, sowie die quellenimmanenten Kategorien nicht ausklammert.

 

[1] Es gibt bisher nur eine genaue Zahl über die die von den Gerichten angelegten Dossiers (311 263), jedoch über die genaue Anzahl der Personen, die ab Oktober 1944 verdächtigt wurden, sich nach den Bestimmungen des 26. Juni 1944 strafbar gemacht zu haben. Ein Dossier kann auch die Anklage gegen mehrere Personen beinhalten. vgl. Rousso, Henry: Vichy, l’évènement la mémoire, l‘histoire, Éd. Gallimard, Paris 2001, S. 521.

[2] Darin sind nicht die anderen Dimensionen der „épuration“ eingerechnet: die Verfahren der Militärgerichte, die Säuberungen in der Verwaltung („épuration administrative“) und die nach Branchen und Berufen organisierten Säuberungen („épuration économique“).

[3] Rousso, Vichy, l‘évènement, S. 519.

[4] Albert, M.-C., Hamelin, D. : „L’épuration économiques dans le département de la Vienne au prisme de deux procès d’industriels, in : Bergère, M (Hrsg.), L’épuration économique en France à a Libération, Presses Universitaires des Rennes (online veröffentlicht : http://books.openedition.org/pur/4777, aufgerufen am 9.11.2017), Rennes 2008.

 

 

Kontakt
Max Derrien, max.derrien@ehess.fr

Siehe auch
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