Ein Atelier auf den Spuren der Kommunarden

Die Geschichte der Pariser Kommune von 1871 stand im Mittelpunkt des Pariser Frühjahrsateliers des Deutsch-Französischen Master- und Doktorandenprogramms. Außerdem stellten zwei Doktoranden und die Studierenden des ersten Jahres ihre Forschungsprojekte vor.

Version française

Boulevard Haussmann, ca. 1853-1870. FOTO (Ausschnitt): Charles Marville/State Library of Victoria, H88.19/90b

Sie sind weltweit bekannt und prägen das Pariser Stadtbild bis heute: die besonders breiten Boulevards. Wie so viele Monumente der französischen Metropole wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, nach Entwürfen des Stadtplaners und Präfekten Georges-Eugène Haussmann. Für Touristen unserer Zeit mögen sie wenig mehr sein als (zugegebenermaßen schöne) Ausfallstraßen. Den Historiker aber lässt eine solche Bauweise stutzig werden: wozu diese an Verschwendung grenzende Breite? Viel spricht dafür, dass militärische Logik den Ausschlag gab. Über Jahrhunderte hinweg hatte die Pariser Bevölkerung Barrikaden errichtet, wann immer versucht wurde, die Stadt oder einen ihrer Teile einzunehmen. Auch die Pariser Kommunarden von 1870/71, deren Aufstand niedergeschlagen wurde, mussten erkennen, dass sich Barrikaden in neuen, breiten Boulevards nicht mehr so leicht errichten ließen.

Die Kommune als wirkmächtige Idee

Die Geschichte eben dieser Pariser Kommune war Oberthema des Frühjahrsateliers des Deutsch-Französischen Master- und Doktorandenprogramms in Geschichtswissenschaften, das vom 7. bis 9. April 2016 in Paris ausgerichtet wurde. Gemeinsam sahen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Stummfilm “La Commune” von Armand Guerra aus dem Jahr 1914 an, der die Anfänge der Pariser Kommune thematisiert. Eine historische Kontextualisierung besorgte Alexandre Faure, Doktorand am Centre de recherches historiques (CRH) der EHESS, der u.a. über die Entwicklung von Paris zur Metropole arbeitet.

Nuit Debout, am 10. April 2016 auf der Place de la République in Paris. FOTO: Olivier Ortelpa/CC-by

Nuit Debout, am 10. April 2016 auf der Place de la République in Paris. FOTO: Olivier Ortelpa/CC-by

Faure unternahm mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine historische Stadtführung durch das 8. und 18. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Mit dem Begriff der Kommune wurde ein Mythos geprägt, der bis heute französische Geschichte und Mentalitäten prägt. Die Führung vollzog die einzelnen Schritte zur Gründung der Kommune nach, aber auch die berühmten Orte, an denen sich im Mai 1871 die Semaine sanglante ereignete und die Eingang fanden in Victor Hugos Gedichtband L’Année terrible (1872). Diese historische Reflexion war in gewisser Weise hochaktuell: Die Kommune von 1871 diente diversen politischen Bewegungen als Vorbild. Auch in Äußerungen und Veröffentlichungen der Protestbewegung “Nuit debout” gibt es vielfältige Bezüge: Ganz offenbar ist das Bild eines rebellierenden Volkes auf der Suche nach Selbstbestimmung und direkterem Einfluss auf die politische Sphäre in europäischen Krisen-Zeiten besonders verführerisch. Natürlich liegt darin, wie Faure unterstrich, eine Verkürzung von Tragweite und Realität dessen, wofür die Pariser Kommune stand.

Ein schwieriges Symbol

Vom Boulevard de Rochechouart zur Sacré-Cœur, vorbei am Moulin de la Galette und dem Place des Abbesses, führte Faure die Studierenden zu den für die Geschichte der Kommune bedeutenden Orten, die gleichzeitig von anderen Epochen geprägt sind: Hier zeigen sich der Impressionismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; die Straßen, die im Mai 1968 hastig geteert wurden, um die Nutzung der Pflastersteine als Wurfgeschosse zu verhindern; oder auch die Entwicklung der Topographie dessen, was ursprünglich nichts anderes als eine Kommune in der Pariser Banlieue war. Die Führung endet am Fuße der Sacré-Cœur, Symbol der République Opportuniste und der Demütigung, die man den Kommunarden und ihren Anhängern zufügen wollte – und die heute auf den meisten in Paris aufgenommenen Selfies auftaucht, ohne dass ihre eigentliche Bedeutung ermessen wird.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des deutsch-französischen Ateliers, Paris, 8. April 2016 FOTO: privat

Neue Projekte vorgestellt

Wie immer diente das Atelier auch dazu, Projekte vorzustellen, an denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forschungsmasters und des Doktorandenprogramms zurzeit arbeiten. Diesmal waren es die Studierenden des ersten Masterjahres, die am 7. und 8. April ihre Forschungsthemen vorstellten und dazu das Feedback von Dozenten und Kommilitonen einholten. Am 9. April, dem letzten Tag des Ateliers, ließen Antonin Dubois (“Préserver l’élite masculine, défendre l’État-nation. Les organisations étudiantes en France et en Allemagne (1871-1914)”) und Christoph Streb (“Die Figur des Publizisten und seine politische Rolle in Frankreich und im anglo-amerikanischen Raum”) die Gruppe am aktuellen Stand ihrer Dissertationsprojekte teilhaben.

Erneut erwies sich das Atelier als willkommene Gelegenheit zum Austausch über die Grenzen der beteiligten Institutionen hinweg. Vorgestellt wurde in diesem Zusammenhang auch die neue gemeinsame Internetseite des Studiengangs, paris-heidelberg.eu, die das bisherige Blog ersetzt. Dort finden sich bereits die wichtigsten Informationen zu Studiengang und PhD-Track. Ergänzt werden sie nach und nach um praktische Tipps für den Alltag im Partnerland, aber auch um Eindrücke aus dem Forscheralltag in Paris und Heidelberg. Mitarbeit: Louis Bourgon

Bildergalerie

Siehe auch
Berichte vergangener Ateliers
Film: La Commune, 1913, 19 Min.  [externer Link]
Frankreich ein Jahr vor der Präsidentenwahl zwischen Ausnahmezustand, Arbeitsmarktreformen und einer neuen Bewegung, politischer Blogbeitrag von M.A.-Student Felix Schmidt [externer Link]