Dissertationsprojekt von Stephan F. Mai

Titel des Vorhabens: Immunität! Biographische Erfahrung und diplomatische Theoriebildung bei Abraham de Wicquefort (1606-1682)
Betreuung: Univ.-Prof. Dr. Dorothea Nolde (Universität Wien), Prof. Dr. Sven Externbrink (Universität Heidelberg)

Wir lesen täglich von militärischen Auseinandersetzungen. Wachsen die Spannungen in der internationalen Staatengemeinschaft? Die Nachrichten, die uns die Bilder der Gewalt zeigen, stellen auch die Frage, wie wir friedlich zusammenleben können. Ich bin überzeugt: Das Denken der Zukunft kann nicht nur durch innovative Technologien erfolgen. Die italienische Renaissance ist ein Beispiel für Impulse, die durch Rückgriffe auf die Geschichte ausgelöst werden können.
Wie kann also humanitäre Hilfe und eine dem Frieden förderliche Diplomatie gelingen? Was brauchen sie, um ihre Wirkung bestmöglich zu entfalten? Sie brauchen Personen, die vor Ort sind und im Konfliktfall helfen. Diese Personen müssen vor Gewalt, Übergriffen und Repressionen geschützt sein. Theoretisch konnte das Völkerrecht damals wie heute Gewalt einschränken: Die Praxis sieht allerdings anders aus.

Wenn die Vergangenheit Fragen der Gegenwart beantworten kann, dann sollten wir uns dafür interessieren, wie das Europa der Frühen Neuzeit (ca. 1500 – 1800) Personen, die in der Diplomatie tätig waren, schützte. Diese Frage versuche ich am Beispiel des Gelehrten und Diplomaten Abraham de Wicquefort (1606-1682) zu beantworten. Er hat uns viele Schriften zur Diplomatie und zum Völkerrecht hinterlassen.

Wenn ich von Diplomaten spreche, dann muss ich anmerken, dass der Begriff „Diplomat“ im 18. Jahrhundert entstand. Zur Lebenszeit von Abraham de Wicquefort existierten verschiedene Begriffe. Das lag auch daran, dass am Hof eines Fürsten oder eines Königs viele Personen in der Außenpolitik aktiv waren: Der fürstliche Hof war der Ort, an dem der Fürst und seine Familie wohnten. Jeder von ihnen hatte seinen (oder ihren) eigenen Haushalt. Da der Fürst, seine Familie und seine Verwandten von diesem Ort aus regierten, siedelte sich auch Personal am Hof an, das das Reich verwaltete. Die privaten Haushalte der fürstlichen Familie können aus diesem Grund nicht sinnvoll von der Regierung und der Verwaltung getrennt werden. Am Hof beschlossen der Fürst, seine Verwandten und die Regierungsmitglieder nicht nur die Innenpolitik, sondern auch die Außenpolitik. Wir sprechen von einer personalen Herrschaft und meinen damit, dass der Fürst als Person herrschte. Deswegen kam den verwandtschaftlichen Beziehungen unter den fürstlichen und königlichen Familien Europas eine große Bedeutung zu. Neben anderen Faktoren wie der Konfession war die Außenpolitik von dynastischen, die Herrscherfamilie betreffenden Überlegungen bestimmt. Die Diplomaten vertraten als Stellvertreter ihren Fürsten an einem weit entfernten Hof. Da der Hof Ort von Regierung, Verwaltung und der fürstlichen Familie war, konnten verschiedene Personen mit Zugang zum Fürsten, seinen Beratern und seiner Familie Einfluss auf die Außenpolitik nehmen. Zu nennen sind beispielsweise Adlige, Höflinge, in der Verwaltung oder Regierung tätige Bürger, für den Fürsten tätige Künstler oder Gelehrte, aber auch Kaufleute, die den Hof mit Luxuswaren oder mit Krediten versorgten.

Wenn ich also Abraham de Wicquefort als Diplomaten bezeichne, dann bin ich mir bewusst, dass der Begriff historisch nicht korrekt ist. Andererseits diskutieren wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis heute, wie wir „Diplomaten“ in der Frühen Neuzeit am besten benennen. Vereinfachend schreibe ich in diesem Blogeintrag „Diplomat“.

Und Wicquefort warals Diplomat für mehrere Fürsten tätig. Bei seiner Geburt in Amsterdam am 24. Dezember 1606 konnte niemand ahnen, dass Wicquefort Diplomat werden sollte. Über seine Kindheit wissen wir wenig; wir wissen, dass er 1626 sein Studium an der Universität Leiden beendete. Fortan war Abraham de Wicquefort Doktor der Rechtswissenschaften. Kurz darauf ‒ wir schreiben das Jahr 1627‒ zog Wicquefort nach Paris. Hier arbeitete er unter anderem als Diplomat für den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620-1688). Da Wicquefort sehr guten Kontakt zu anderen Gelehrten hatte, tauschten sie sich regelmäßig über die Politik Frankreichs aus. Leider war der französische Premierminister, Kardinal Mazarin (1602-1661), der Meinung, dass Wicquefort zu gut über die Außenpolitik Frankreichs informiert war. Er verdächtigte Wicquefort, dass er aktiv die Interessen Frankreichs schädigte und verbannte ihn 1659 aus Frankreich. Wicquefort kehrte in seine Heimat, die Niederlande, zurück und arbeitete weiterhin für den Kurfürsten von Brandenburg. Allerdings wurde er aus politischen Gründen 1675 verhaftet und des Hochverrats angeklagt: Er galt als enger Freund des ermordeten holländischen Ratpensionärs Johan de Witt (1625-1672). Dank seiner Tochter Anna Dorothea gelang ihm 1679 die Flucht aus seinem Gefängnis. Wicquefort floh an den Hof Herzog Ernst Augusts von Braunschweig-Calenburg (1629-1698), wo er 1682 im Alter von 77 Jahren verstarb.

Dieser kurze biographische Abriss zeigt, wie Abraham de Wicquefort mindestens zweimal Übergriffen auf seine Person ausgesetzt war. Von dieser persönlichen Erfahrung arbeitete Wicquefort als Gelehrter allgemeine Probleme ab, die die Diplomaten betrafen. Diese Probleme versuchte er in seinen Schriften zu lösen. Unter anderem schreibt er an mehreren Stellen seines Werks, dass Diplomaten durch das Völkerrecht geschützt sein sollten, und zählt mehrere Beispiele auf, die seine Position belegen sollen. Folglich formuliert Wicquefort eine Theorie diplomatischer Immunität.

Ich will mit meiner Forschung herausarbeiten, wie Wicquefort über die diplomatische Immunität dachte und wie seine Theorie funktioniert. Auch interessiert mich, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen seiner Theorie und der heute gültigen Theorie diplomatischer Immunität existieren. Allgemein will ich erforschen, welcher Zusammenhang zwischen Praxis und Theorie der Diplomatie im 17. Jahrhundert bestehen könnte. Die Forschung zur Geschichte der Diplomatie geht davon aus, dass beide streng getrennt sind. Ich vermute, dass das nicht der Fall ist. Mit meiner Arbeit möchte ich meinen Standpunkt am Beispiel von Abraham de Wicqueforts Leben beweisen. Deswegen frage ich: Fußte die Traktatliteratur, die Regeln aufstellte, wie sich ein Diplomat idealerweise verhalten sollte, auf Erfahrungswerten, die von den Gelehrten in der diplomatischen Praxis erlernt wurden? Oder muss ich diese Frage verneinen?

Diese Frage ist der Grund, warum ich das Leben Abraham de Wicqueforts untersuche. Sein Leben gleicht dem anderer Diplomaten, die gleichzeitig Gelehrte waren. Zu nennen sind beispielsweise die Humanisten Hubert Languet, Jacques Bongars, der sehr bekannte Niederländer Hugo Grotius und der Münzenkundler Ezechiel Spanheim. Was verband das Leben dieser Männer? Worin ähnelten sie sich? Ich glaube, dass es die folgenden Punkte sind, die ich vergleichen werde: Die Familie, die Karriere bei Hof, die Zusammengehörigkeit als Gelehrte („Sozietät“), das soziale Netzwerk und die Funktion als politischer und kulturelle Vermittler zwischen mehreren Fürstenhöfen. Wenn ich zeigen kann, dass diese Merkmale sich ähneln und dass Wicquefort in seinen Texten eine Aussage darüber machte, wie seine persönliche Erfahrung und sein in der Praxis erworbenes Wissen seine Theorien über die frühneuzeitliche Diplomatie beeinflussten, dann kann ich meine Frage bejahen.

Einen wesentlichen Unterschied allerdings kenne ich schon jetzt: Mit seinem Ziel scheiterte Abraham de Wicquefort, er konnte nie ein Amt am französischen Hof erwerben. Damit verschlechterten sich die Chancen seiner Töchter und seines Sohnes auf einen sozialen Aufstieg in der Gesellschaft. Umgekehrt aber waren Wicqueforts Schriften sehr erfolgreich. Trotz seines Scheiterns hatte Wicquefort in gewisser Weise Erfolg, da er für sein Werk noch heute bekannt ist. Er hatte keinen besonderen Ruf als erfolgreicher Gesandter oder Gelehrter. Warum sind seine Schriften sowohl bei seinen Zeitgenossen als auch bei seiner Nachwelt bis heute so erfolgreich? Das ist die Frage, die ich mich täglich stelle und die mich seit einem Jahr nicht mehr loslässt.

Blog zum Thema
wicquefort.hypotheses.org

Siehe auch
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