Lia Börsch Dissertationsprojekt

Titel des Vorhabens: „One good photo worth ten pages words.“ Bildpolitik als Menschenrechtsengagement. Eine Visual History der Bildproduktion von Menschenrechtsorganisationen ab den 1960er Jahren
Betreuung: Prof. Dr. Edgar Wolfrum (Universität Heidelberg), Prof. Dr. Vincent Duclert (EHESS-CESPRA)

Ausgelöst durch das Erscheinen der frühneuzeitlichen Studie Lynn Hunts „Inventing Human Rights“ im Jahr 2007 wurde das Forschungsfeld der Menschenrechtsgeschichte neu eröffnet. Hunt stellte hierin die in der Folge umstrittene These auf, von den Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts ließe sich auch die weitere Geschichte der Menschenrechte herleiten. Samuel Moyn veröffentlichte 2010 einen Gegenentwurf, in dem er den Durchbruch der Menschenrechte in den 1970er Jahren verortete und mit dem Niedergang revolutionärer Ideen nach 1968 erklärte. Die Vertreter dieses jüngeren Forschungszweigs gehen davon aus, dass unser heutiges Verständnis von den Menschenrechten hauptsächlich in den 1940er Jahren entstand und markieren die 1970er Jahre als entscheidende Schlüsselphase für ihren Durchbruch zum globalen Leitbegriff politischer Ordnung. Hierfür war auch das Entstehen eines neuen zivilen und transnationalen Menschenrechtsaktivismus bedeutend. Das Projekt verfolgt die These, dass sich dieser transnationale „Aufstieg“ der Menschenrechte nicht allein durch bisher aufgestellte ideen- oder politikgeschichtliche Ansätze erklären lässt. Trotz der in der Forschung immer wieder betonten Bedeutung visueller Medien, spielen diese innerhalb der „neuen Menschenrechtsgeschichte“ bisher kaum eine Rolle. Weniger umstritten als ihre These einer linearen Entwicklung der Menschenrechtsgeschichte waren Hunts Erkenntnisse, dass durch das Lesen von Briefromanen im 18. Jahrhundert durch regelrechtes „Mitempfinden“ ein immer größeres Gefühl von Gleichheit und Empathie durch alle Gesellschaftsschichten hinweg entstehen konnte. Diese Entwicklungen sieht Hunt als bedeutende Vorgeschichte für die Verabschiedungen der Menschenrechtsdeklarationen des 18. Jahrhunderts an. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse Hunts untersucht das Forschungsprojekt die visuelle Sprache westlicher Menschenrechtsorganisationen ab den 1960er Jahren. Wie wirkten deren im Kontext einer zunehmenden Medialisierung immer bedeutender werdenden visuellen Publikationen auf die westlichen Gesellschaften? Lässt sich ein gesellschaftlicher Moralisierungsprozess über das zirkulierende Bildmaterial (Fotografien) feststellen und wie und mit welchen Motivationen wurde die Verwendung von Bildern durch die Organisationen als Bildagenten organisiert (bspw. durch Kooperationen zu wichtigen Medienagenturen, wie der Fotografenagentur Magnum)? Konnte so eine einheitliche visuelle Sprache der Menschenrechte und eine „Bildermacht“ entstehen, über die es gelang, die Menschenrechte in verschiedenen Öffentlichkeiten zu platzieren? Untersucht werden internationale Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sowie einzelne, nationale Organisationen wie die Menschenrechtsligen. Einer Rezeptionsanalyse wird sich anhand der Untersuchung von Medienberichten zu einzelnen Kampagnen und Ego-Dokumenten von Aktivisten und Fotografen sowie der Analyse von Kommentaren zu den oftmals durch die Organisationen selbst konzipierten und realisierten Ausstellungen angenähert.

Weitere Informationen
https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/histsem/mitglieder/boersch.html

Kontakt
lia.boersch@zegk.uni-heidelberg.de

Siehe auch
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